Bianca überflog die Lektüre für ihren nächsten Sprachkurs, während sie in dem Haus, das sie mit ihren Frontiers-Teamkolleginnen teilte, an ihrem Morgenkaffee nippte. Seit ihrem Umzug nach Südwestasien hatte sie viele Stunden dem Sprachenlernen gewidmet, doch im Moment schenkte sie dem Buch auf dem Tisch nicht ihre volle Aufmerksamkeit.
Sie spähte aus dem Fenster in Richtung des Tors zu ihrem Innenhof und wartete auf das Klopfen ihrer jungen Freundinnen. Vier kleine Mädchen aus einem armen Viertel in der Nähe kamen seit kurzem jeden Morgen vorbei, um Wertstoffe zu sammeln. Als Bianca sie am ersten Tag mit Schokolade überrascht hatte, hatten sie ihre Scheu schnell abgelegt.
Ein Ort der Freude
Jetzt, wann immer sie kamen, war die Wohnung erfüllt von Gelächter und Geplapper. Bianca liebte es, den Mädchen einen Ort der Freude und Erholung zu bieten und dafür zu sorgen, dass sie reichlich Snacks hatten, bevor sie zum nächsten Haus weitergingen.
Sie hatte um eine Gelegenheit gebetet, ihre Familien kennenzulernen und ihnen von Jesus zu erzählen. Obwohl sie die Mädchen schon mehrmals gefragt hatte, ob sie ihre Mütter treffen könnten, hatten diese nie Zeit gehabt.
Sie dürfen uns nicht finden
Plötzlich hallte ein hektisches Klopfen am Tor über den Hof. Bianca verschüttete Kaffee auf ihr Buch, als sie hinübereilte, um zu sehen, wer da war.
Kaum hatte sie das Tor einen Spalt weit geöffnet, schlüpften ihre vier jungen Freundinnen herein, rannten an ihr vorbei und tauchten hinter einer nahegelegenen Steinsäule unter.
«Was ist los?», fragte Bianca. Verzweifelt bedeutete die Älteste, Sufiya, ihr, das Tor zu schliessen. «Die Polizei kommt!», flüsterte sie. «Bitte lass nicht zu, dass sie uns finden.» Das Zittern in ihrer Stimme verriet, dass sie den Tränen nahe war.
Die Polizei ist da
Bianca drehte sich um, um das Tor zu verschliessen, und schnappte nach Luft, als ein Polizeiwagen vor dem Haus quietschend zum Stehen kam. Bianca blickte hinter sich, doch glücklicherweise waren die Mädchen hinter der Säule ausser Sichtweite.
Sie sprach ein stilles Gebet um Schutz vor dem, was auch immer nun geschehen würde. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie zählte, wie fünf Beamte aus dem Fahrzeug stiegen und auf sie zukamen – während zwei weitere sie von innen finster anstarrten. Sie befahlen ihr, das Tor zu öffnen, und sie tat es, trat jedoch vor, um ihnen den Weg zu versperren.
Tiefer Friede
«Wo sind die Mädchen?», verlangte der leitende Beamte zu wissen. Bianca wusste, dass sie sie nicht in die Nähe von Sufiya und den anderen lassen durfte, also sagte sie ihm, sie habe nichts zu sagen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, während sich seine Augen verengten.
Hinter sich hörte Bianca das leise Rascheln von Stoff auf Stein, als die Mädchen nur wenige Fuss entfernt zitterten. Der Herr ist unsere Zuflucht und unsere Stärke, ermahnte sie sich. Dieses Wissen schenkte ihr plötzlich ein Gefühl des Friedens, und sie begegnete dem zornigen Blick des Beamten.
Nichts zu beanstanden
«Diese Mädchen halten sich illegal im Land auf», sagte er und blickte sie finster an. «Tatsächlich bist du auch eine Ausländerin. Zeig mir deinen Reisepass.»
Bianca sagte ihm, er sei drinnen, und sie würde ihn holen. Sie trat rückwärts durch das Tor, schloss die Tür hinter sich schnell ab und ging hinein, um ihre Ausweispapiere zu holen. Sie holte ihre Papiere so schnell wie möglich und kehrte zurück, wobei sie sich zwang, geradeaus zu schauen, als sie am Versteck der Mädchen vorbeikam.
Der Kommandant riss ihr den Reisepass aus der Hand, sobald sie das Tor öffnete. Er musterte ihn eifrig und suchte nach irgendeinem Vorwand, um sie abzuschieben und ihr Grundstück zu durchsuchen.
Doch als er nichts fand, warf er ihn ihr zurück. Wie durch ein Wunder drehte er sich auf dem Absatz um und ging wortlos davon, seine Männer folgten ihm.
Ein Ort der Sicherheit
Nachdem sie auf der Strasse verschwunden waren, ging Bianca zu Sufiya, um ihr zu sagen, dass die Gefahr vorüber war, und fand die Mädchen vor, die vor Angst zitterten. Also nahm sie sie mit ins Haus und kochte ihnen ein warmes Frühstück, während sie sich ihre Geschichte anhörte.
«Sie haben uns mehrere Häuserblocks lang verfolgt, aber ich wusste, dass wir hier in Sicherheit sein würden», erzählte Sufiya ihr erleichtert. Bianca konnte nur Gott dafür danken, dass er ihnen eine Fluchtmöglichkeit beschert hatte.
Die Mädchen kommen in Begleitung
Am nächsten Morgen kamen Sufiya und ihre Freundinnen, um das Altpapier abzuholen, doch sie waren nicht allein. Zwei der Mütter der Mädchen waren bei ihnen, gespannt darauf, die Ausländerinnen kennenzulernen, deren Haus ihren Kindern Zuflucht gewährt hatte.
«Danke, dass ihr unsere Mädchen gerettet habt!», riefen sie aus.
«Der Herr hat sie gerettet», antwortete Bianca lächelnd. Eine der Mütter war hochschwanger, und sie führte beide Frauen in die Küche und bot ihnen Essen und Tee an.
Gott öffnet neue Türen
«Ich habe mich gefreut, euren Mädchen helfen zu können», sagte Bianca. «Wird eine von ihnen bald mit einem neuen Geschwisterchen gesegnet?» Sufiyas Mutter lächelte. «Inschallah. Ich erwarte Zwillinge. Möchtest du sie nach der Geburt besuchen kommen?» «Es wäre mir eine Ehre», antwortete Bianca sofort.
Während die Frauen sich unterhielten und die Mädchen auf dem Teppich im Wohnzimmer spielten, staunte Bianca darüber, wie Gott diese Begegnung inszeniert hatte. Er hatte diese Mädchen nicht nur vor Unheil bewahrt, sondern auch eine Tür für eine Beziehung zu ihren Müttern geöffnet, von der sie geglaubt hatte, sie sei fest verschlossen. Manchmal war Gott voller Überraschungen.
Südwestasien
