ICH GEHE DA HIN, WO DER NAME VON JESUS CHRISTUS NOCH UNBEKANNT IST.

Apostel Paulus in Römer 15, 20

Hoffnung die Kreise zieht

03. Juni 2026

«Haben Sie einen Teenager gesehen? Er heisst Adel», fragte Noor flehentlich, wie sie es jeden Morgen seit ihrer Ankunft im Flüchtlingslager ohne ihren Sohn getan hatte. Als einzige Überlebende ihrer Familie, die der Gewalt in der Nähe ihres Zuhauses entkommen waren, waren sie vor Wochen auf der Flucht voneinander getrennt worden.

«Heute nicht», sagte der Lagerverwalter zu ihr. Andere Flüchtlinge drängten sich an ihr vorbei, um nach ihren eigenen vermissten Angehörigen zu fragen, und Noor schleppte sich zurück zu ihrem Zelt, kaum in der Lage, ihre Tränen zurückzuhalten. Je länger Adel vermisst blieb, desto mehr befürchtete sie, dass Extremisten ihn rekrutiert hätten. Was, wenn sie ihn nie wieder sehen würde?

Wer hat am meisten gelitten?

In der Nähe ihres Zeltes hörte Noor zwei andere Witwen über die schrecklichen Auswirkungen des Krieges sprechen. Die eine hatte ihren Mann und ihre Tochter verloren. Die andere hatte mit ansehen müssen, wie ihr Haus zerstört und ihr Sohn von Militanten entführt wurde. Doch statt Mitgefühl lösten diese Geschichten einen Streit darüber aus, wer am meisten gelitten hatte.

Noor fühlte sich angesichts dieser Verwüstung allein und hilflos. Sie brauchte eine sinnvolle Beschäftigung.

Gegen die Einsamkeit

Ein paar Tage später traf sie Valerie, eine Mitarbeiterin von Frontiers, die als Übersetzerin für die Ärzte im Lager tätig war. Während sich die beiden Frauen unterhielten, erwähnte Valerie, dass ihr Team einen Ort brauchte, um Medikamente zu verteilen.

Noor dachte einen Moment nach. Sie könnte sie bei sich aufnehmen. Vielleicht würde sich ihr Zelt dann nicht mehr so einsam anfühlen.
Innerhalb weniger Tage hatten sie eine Apotheke eingerichtet. Wenn Neuankömmlinge im Lager zu dem Zelt kamen, bot das Team an, im Namen Jesu für jeden Patienten zu beten.

Woran glaubst du?

Noor hatte noch nie zuvor so viel Mitgefühl und Fürsorge gesehen, wie Valeries Team den Flüchtlingen entgegenbrachte. Muslime aus verschiedenen Stämmen vertrauten einander nicht und zeigten kein Interesse an anderen Flüchtlingen, aber Valerie kümmerte sich um alle gleichermassen. Noor musste wissen, was dieses Team so besonders machte.

Als Noor sich eines Nachmittags der anderen Frau näherte, fragte Valerie: «Gibt es Neuigkeiten von Adel?» Noor schüttelte den Kopf. «Gott weiss genau, wo er ist», sagte Valerie. «Ich bete für ihn.» «Du bist so voller Glauben», sagte Noor voller Ehrfurcht. «Woran glaubst du?»

Valerie lächelte und bot ihr einen Platz auf einem Teppich im hinteren Teil des Zeltes an. Sie holte ihr Handy heraus und begann, Geschichten aus Gottes Wort abzuspielen.
Noor bemerkte, dass diese Passagen anders waren als das, was sie im Koran gehört hatte. Von der Schöpfung an liebte Gott die Menschen, die er geschaffen hatte, und er sandte Propheten, um ihnen von einem kommenden Erlöser zu berichten, der das ultimative Opfer für die Sünde sein würde. Tag für Tag bat sie darum, mehr zu hören.

Botschafterin mit Zweifeln

Eines Nachmittags sah sie eine Gruppe von Witwen, die sich stritten und tratschten. Normalerweise war sie zu schüchtern, um sich in solche Auseinandersetzungen einzumischen, aber an diesem Tag hatten sie und Valerie eine Geschichte über Jesus gehört, in der es um Frieden ging. Noor ging auf die anderen Witwen zu und erzählte ihnen, was sie gehört hatte. 

Wochenlang hielt Noor an dieser Routine fest – sie lernte gemeinsam mit Valerie mehr über Jesus und gab das Gelernte anschliessend an die Frauen im Lager weiter. Sie hielt ihn für weise und seine Lehren für gut. Doch sie konnte sich nicht sicher sein, ob er wirklich so mächtig war, wie Valerie behauptete.

Ein Traum wird wahr

Als Noor sich eines Nachts im Schlaf hin und her wälzte, träumte sie von Jesus. Er war gross, und ein Licht strahlte ihn von allen Seiten um. Als er sie umarmte, sagte er: «Dein Sohn wird wohlbehalten zurückkommen … bald.»

Noor schreckte aus dem Schlaf hoch. Das Licht der Morgendämmerung schien durch die Löcher in ihrem Zelt, und sie eilte zum Eingang des Lagers, um nach Neuigkeiten von Adel zu fragen. Eine Gruppe von Neuankömmlingen drängte sich am Check-in-Stand. Unter ihnen spähte das Gesicht eines mageren Jungen durch die Menschenmenge und suchte nach etwas.

«Adel!», rief Noor, als sie zu ihm rannte, ihn in die Arme schloss und sein Gesicht küsste. Als Noor Valerie die frohe Nachricht überbrachte, erzählte sie ihr von ihrem Traum. «Jesus hat meinen Sohn nach Hause gebracht», erklärte sie. «Er ist wirklich Gott. Und ich möchte das mit allen teilen.» Valerie umarmte sie und lächelte breit.

Veränderte Herzen

Bald begann Noor, gemeinsam mit anderen Witwen das Evangelium zu studieren, und schon nach kurzer Zeit trafen sich mehr als 80 Frauen regelmässig. Als sich die Lehren Jesu im ganzen Lager verbreiteten, begannen sich die Frauen zu wandeln.

An unerwarteten Orten blühten Taten der Nächstenliebe auf. Frauen, die einst verbittert und misstrauisch gewesen waren, begannen, sich um andere bedürftige Familien zu kümmern. Sie kochten Mahlzeiten und wuschen Kleidung, wenn andere Mütter dazu nicht in der Lage waren.

Als sie im Lager angekommen waren, konnten sich die Witwen zunächst nur auf das Überleben konzentrieren. Doch die Liebe Jesu hatte ihre Herzen bis zum Überlaufen mit Freude und Güte erfüllt.

Das Scherflein vieler Witwen

Ein paar Monate später besuchte Valerie Noors Zelt.

«Ich habe gute Nachrichten!», rief Noor aus, noch bevor Valerie sich auf den Teppich setzen konnte. «Meine Freundin Amrita, mit der ich das Injil studiere, hat Verwandte im Norden. Sie erzählte uns, dass sie ihnen die Gute Nachricht verkünden wolle, aber kein Geld für die Reise habe.»

Valeries Lächeln verblasste. «Oh nein. Vielleicht …»
Noor winkte ab, was auch immer Valerie vorschlagen wollte. «Alle Witwen in der Gruppe haben unser Geld zusammengelegt. Wir hatten gerade genug, damit sie die Reise antreten konnte.»

Valerie traten sofort Tränen in die Augen. Als Mitarbeiterin von Frontiers hatte sie Frauen betreut, die selbst eine Mitarbeiterin ausgesandt hatten – und das war ganz allein ihre Idee gewesen. Gott inspiriert und befähigt diese Witwen weiterhin, während sie die Hoffnung und Liebe, die sie erfahren haben, weit über die Grenzen ihres Lagers hinaus weitergeben.

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